Von Hurenkindern, Schusterjungen und amputierten Registern

Liebe Leser,

es gibt ja für alles ein erstes Mal. Ich muss zu geben, ich war sehr gespannt auf mich und das Lesen mit meinem neuen E-Reader, einen Tolino Shine. O.k., aus Theorie sollte also endlich Praxis werden, denn ein ganzes Buch hatte ich auf einem Reader noch nicht gelesen.

Die Vorbereitung

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Zum Glück gibt es diese Stifte (Touchpen) für Grobmotoriker wie mich 😉 So kann ich bequem und gezielt navigieren. (Foto von Laineema. 静電容量式タッチペン PIP-TP Touch Pen. cc by. Quelle: flickr)

Mein Konto bei Adobe hatte ich mir über einen PC eingerichtet. Das wäre mir am kleinen Reader zu fummelig gewesen. Dann meldete ich mich auf meinem Reader mit meiner Adobe Kennung an, damit der Kopierschutz (DRM) für die BIBNET-Onleihe geschaltet ist.
Auf zur Onleihe und stöbern, was verfügbar wäre. Oh super, ich erwischte einen Sachbuchbestseller, der in unserer Bücherei nur für 14 Tage ausleihbar ist. Über unsere Onleihe steht er mir für 21 Tage zu Verfügung. Einen Roman hatte ich mir auch noch ausgesucht.
Ich probierte zwei Wege: den Download aus der Onleihe via PC und direkt über meinen E-Book-Reader. Klappte beides gut. Komfortabler ist es aber über einen größeren Bildschirm, denn die Onleihe-Seite wird im Tolino-Browser nicht verkleinert angezeigt. Man muss also wissen, dass sich da auf der rechten Bildschirmseite irgendwo noch der Download-Button befindet…

Das Sachbuch interessierte mich mehr, also fing ich damit an. Und schon nach ein paar Seiten war mir klar: „Ich muss mir ein paar Notizen machen.“ Ich wollte mir bewusst machen, worüber ich so stolpre, wo ich stutzen muss, was ich gut oder was ich schlecht finde. Schließlich war es mein erstes E-Book. Am PC wollte ich nie eins lesen.

Lese-Protokoll (1)

  • Super, mit einstellbarem Hintergrundlicht. Hat sich sehr bewährt, mein Mann konnte gut weiterschlafen, während ich am Schmökern war 🙂
  • Beim Umblättern landete ich einmal auf Seite 384 statt auf Seite 60. Äh, wo war ich? Wie komme ich zurück? Ein Lesezeichen hatte ich natürlich nicht gesetzt. Also lernte ich den „Gehe zu Seite“-Balken kennen und tastete mich zurück. Merke: Bitte nur zart berühren 😉
  • Ausdauer war gefragt: 465 Seiten lagen vor mir, allerdings in Postkartengröße. Nach 13 Tagen kam erste Panik auf, ob die Zeit reichen würde. Denn bis jetzt hatte ich Urlaub, aber ich hatte noch nicht einmal die Hälfte… Verlängern geht nicht.
    (Mir fällt der Trick ein. Schnell schaue ich nach, ob es bereits vorgemerkt ist. Uff, zum Glück nicht, also mache ich das schnell. Jetzt habe ich noch mal 21 Tage in Aussicht, das müsste reichen.)
  • Das Sachbuch enthält Kartenabbildungen, die in diesem Format nur schlecht zu erkennen sind. Die Fotos werden in schwarz-weiß wiedergeben und sind ganz ok. Für Kinder, gerade für Leseanfänger, wäre das Lesen mit diesem E-Reader wahrscheinlich total unattraktiv.
  • Worttrennungen am Zeilenende sind teilweise sehr abenteuerlich: vielleicht wird zu vi-elleicht. Hier müssen wir mal großzügig sein 😉 oder da hätte, wer auch immer, am Besten gar nicht getrennt.
  • Gerne hätte ich Fußnotenangaben am Ende der Kapitel direkt im Internet verfolgt. Sahen wie Links aus, waren aber leider keine 😦 Aber beim Antippen blendete sich der „Gehe zu Seite“-Balken ein und man konnte zum Inhalt auf der zugehörigen Seite zurückspringen. Das funktionierte gut.
  • Sehr ungewohnt war für mich, dass Überschriften durchaus auch am Ende der Seite auftauchen oder von Absätzen ein einzelnes Wort auf die nächste Seite rutscht. Das störte meinen Lesefluss. Und überhaupt, lassen sich „Hurenkind und Schusterjunge“ nicht vermeiden? Ist das ein Zeichen von schlechter Umsetzung eines gedruckten in ein digitales Buch? Mir war das vorher noch nie so bewusst gewesen. Da digitale Texte ja auf allen möglichen Formaten, allen möglichen Endgeräten gelesen werden können sollen, muss über Layout und Seitengestaltung ganz anders nachgedacht werden.

    By http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Rainer_Zenz

    Schusterjunge und Hurenkind vonRainer Zenz. cc by-sa 3.0. Quelle: wikimedia

Lese-Protokoll (2)

Der Urlaub war vorbei. Somit hatte ich auch weniger Zeit zum Lesen. Ach, da kam zum Glück die Email-Erinnerung zu meiner Vormerkung. Beinahe hätte ich es verpasst. Ich musste mir das Buch nochmal downloaden. Ja super, aber wo war ich? Ich hatte mir keine Notiz gemacht, wo ich aufgehört hatte zu lesen. Also Freude, dass ich noch mehr Zeit hatte, Ärger, dass ich nicht darauf gekommen bin, mir zu notieren, bis zu welcher Seite ich gelesen hatte. Aber natürlich habe ich es wieder gefunden. Ich war auf Seite 215 von 465 Seiten.

Plötzlich, auf S. 363 endete der Bericht. Was kommt denn wohl auf den nächsten knapp 100 Seiten? Zuerst ein völlig schwachsinniges Orts- und Personenregister. Es heißt Register, ist aber nur eine alphabetische Auflistung der Begriffe ohne Seitenangaben oder eine Verlinkung zum Inhalt! 😦 Was soll das denn? Nun muss ich aber mal vergleichen, ob dass nur auf meinem Reader so aussieht oder auch am PC. Auf dem PC ist das Register genauso amputiert. Warum geht das Zurückspringen bei den Fußnoten, aber beim Register nicht?

Ab S. 372 begann ein umfangreicher Bildteil. Auf meinem Reader werden die Bilder nur schwarz-weiß und teilweise sehr klein wiedergegeben, Karten waren schlecht zu erkennen. Da ist der PC nun im Vorteil, die Bilder waren farbig, groß und die Karten gut lesbar.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Fazit

Die Ausleihfrist von 21 Tagen ist für ein so „dickes“ Sachbuch sehr knapp. Das liest man ja doch nicht so weg. (Auch die 14 Ausleihtage für das gedruckte Buch aus unserer Bücherei hätten mir nicht gereicht.) Ja, und zum Roman lesen bin ich in den 21 Tagen gar nicht gekommen, den habe ich leider nur blockiert 😦

Das Verlängern der Leihfrist und das vorzeitige Zurückgeben, wären so wichtig für unsere Onleihe, damit sie attraktiver, besser gesagt leserfreundlicher wird.

Was wird mit meinen Notizen, die ich ja machen kann, meinen Lesezeichen? Alles weg oder kann ich die irgendwohin transportieren? Das weiß ich im Moment gar nicht, ich habe es nicht versucht. Das wäre dann ein neuer Blogbeitrag…

Die Internetadressen in den Fußnoten können nicht geöffnet werden, obwohl eine Internetverbindung besteht und ein einfacher Browser verfügbar ist.

Danke für die vielen Absätze, das kam meinem Leseverhalten sehr entgegen. Ich musste feststellen, dass Abschnitte ohne Absätze, über mehrere Seiten hinweg, meine Augen sehr ermüden.

Von den Begriffen im Register konnte ich nicht zurück in den Inhalt springen. Da fühlte ich mich ehrlich gesagt vera…lbert. Und das bei dem Preis! Das E-Book ist nur 4 EUR billiger als das gedruckte Buch (und nur für 2 Jahre downloadbar:  http://www.libreka.de/9783570101827)

Fair Use - this image is copyrighted, but used here under Fair Use guidelines.

Q gives Kathryn Janeway a PADD with an alternate route for USS Voyager. (VOY: „Q2“). Fair Use copyright

Zum Lesegefühl: Ehrlich, ich fühlte mich mit meinem Reader den Star Trek Akteuren sehr nah 😉

Diese Art zu lesen war sehr bequem für unterwegs. Der Tolino liegt angenehm in der Hand, ich sehen beim Lesen nicht von schräg unten in mein Gesicht, denn das Display spiegelt nicht 😉 und die Hintergrundbeleuchtung ist sehr komfortabel. Und jetzt kommt’s: Der Akku hat 6 Wochen gehalten!

Mir hat das Lesen mit dem E-Reader bei einigen Enttäuschungen auch Spaß gemacht (meine Paranoia, siehe Nachtrag, war nicht ständig wach). Inzwischen wechsle ich ganz selbstverständlich vom gedruckten zum digitalen Buch. So wie es für mich passt. Ich hoffe, dass die Qualität des E-Books besser und trotzdem der Preis viel niedriger wird, denn ich erwerbe schließlich nur ein Nutzungsrecht und besitze das gute Stück nicht.

Vielleicht hätte ich besser mit dem Roman beginnen sollen. Ich denke, für Romane ist der E-Reader schon heute eine super Alternative, gerade für unterwegs. Für das Lesen und vor allem das Arbeiten mit einem Sachbuch reicht mir der Tolino nicht. Hoffentlich kann das ein anderer Reader und ein anderes Sachbuch besser.

Nachtrag

Vor ein paar Tagen kochte ja das Pro-und-Contra-Thema über E-Books im Internet sehr hoch. Wer nochmal nachlesen möchte, hier ein paar Links:

Meine Paranoia

Unbehagen bereitet mir persönlich der Gedanke, dass mein Leseverhalten beobachtet wird. Das fühlt sich überhaupt nicht gut an. Noch läuft unsere Onleihe mit Adobe Digital Editions 2.0. Mit 3.0 steht das in Aussicht:

Was das bedeutet, ist klar. Adobe weiß jetzt schon, was ich lese. Aber bald wird Adobe ständig Zugriff auf mein Lesegerät haben – das muss nicht unbedingt ein E-Reader sein, denn Lesen kann man auch auf dem Smartphone oder auf dem Tablet. Adobe baut mit den „Digital Editions 3.0“ einen Kanal zu meinem Lesegerät auf, durch den es ohne mein Wissen darauf installieren kann, was immer es möchte, ohne dass ich es mitbekomme. Bisher war die Verbindung zu Adobe eine Einbahnstraße, nun steht sie in beide Richtungen.
[…] Denn niemandem gehören die E-Books, die er gekauft hat, man zahlt nur für die Benutzung. Mit Geld und bald auch mit den Daten des eigenen Leseverhaltens. Ob einem dieser Preis irgendwann zu hoch ist, zumal E-Books nicht sehr viel günstiger sind als die gedruckten Exemplare, muss man selbst entscheiden. Man kann, das ist die gute Nachricht, auch schlichtweg wieder zum Papier zurückkehren. Denn das kennt weder Kompatibilitätsprobleme noch Datenschutzlecks, es nimmt einfach nur Platz weg. [Quelle: Diener, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/neuer-kopierschutz-fuer-e-books-adobe-rudert-zurueck-12785257-p2.html, 5.2.14)
Viele Grüße
Eure Beate Sleegers
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Über b.sleegers

Arbeitet und bloggt für die Stadtbücherei Erkrath.

6 Kommentare zu “Von Hurenkindern, Schusterjungen und amputierten Registern

  1. Eine tolle Dokumentation und einige sehr interessante Hinweise.
    Vielen Dank dafür.
    Bisher habe ich keinen ebook reader, ich liebe Bücher.
    Bequem ist, dass man viele Bücher mit sich herum tragen kann.
    Mal sehen, irgendwann…..

    LG Elke

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    • Das freut mich, dass dir mein Bericht gefallen hat. Danke 🙂
      Ja, es ist wirklich bequem, aber ein ganz anderes Lesegefühl. Ich bin gespannt, wie wir in ein paar Jahren darüber denken, ob und wie sich unsere Lesegewohnheiten ändern werden.

      Liebe Grüße aus Erkrath

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  2. Ein super Bericht. Hilfreich, humorvoll und anregend. Wir empfehlen die Aktion gerne zur Nachahmung.
    Liebe Grüße Bezirksregierung Düsseldorf, Dezernat 48 Öffentliche Bibliotheken

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