„Zero“ – munteres Datensammeln

Vielleicht erinnert ihr euch noch, dass wir im Juni letzten Jahres an dieser Stelle über Marc Elsbergs Lesung im Bürgerhaus berichteten? Womöglich war ja sogar der ein oder andere von euch dabei, als der Österreicher aus seinem packenden Thriller „Blackout“ erzählte – ich hatte die Lesung (wie ich zu meiner Schande gestehen muss) leider verpasst; nach den Lobeshymnen meiner KollegInnen inhalierte ich das Hörbuch damals aber direkt und konnte den positiven Eindrücken nur zustimmen.Zero

Mittlerweile hat der Autor – der mit bürgerlichem Namen eigentlich Marcus Rafelsberger heißt – ein neues Werk veröffentlicht, das mir die Autofahrt zur Arbeit wieder extrem kurzweilig machte: In „Zero“ (übrigens auch schon wieder ein absoluter Bestseller) geht’s um eine gleichermaßen faszinierende wie erschreckende Zukunftsvision…

Ein besseres Leben durch Apps?

Internetplattformen, wie z.B. das fiktive „Freemee“, sammeln und analysieren alle nur erdenklichen Daten ihrer Nutzer: Mittels Datenbrillen und anderer technischer Aufzeichnungs-Geräte werden laufend Informationen über den jeweiligen Träger erhoben – von persönlichen Vorlieben, über Fitnesswerte bis hin zu Verhaltensmustern in bestimmten Situationen. Das Ganze geschieht allerdings nicht heimlich, sondern mit der Erlaubnis der User. Schließlich hat das Procedere ja einige gewichtige Vorteile: Nicht nur, dass die eigenen Daten durch den Aufstieg im Freemee-Ranking immer wertvoller werden (und einem dadurch mehr Geld einbrigen), je detaillierter sie gesammelt werden. Durch sogenannte „Act-Apps“ soll den Menschen sogar ein besseres und erfolgreicheres Leben ermöglicht werden! Diese Ratgeberprogramme schlagen ihren Nutzern Wege vor, wie sie sich etwa in der Schule verbessern oder beim anderen Geschlecht punkten können. Der Clou daran: Es scheint tatsächlich zu funktionieren!

Die Schattenseite der Medaille…

Klingt erstmal alles schön und gut, doch die Schattenseiten der Apps werden spätestens offensichtlich, als ein ehemals schüchterner und zurückhaltender Junge durch sein mittels Act-App neu erlangtes Selbstbewusstsein den Draufgänger markiert und einen gesuchten Straftäter (auf den ihn seine Datenbrille per Gesichtserkennung aufmerksam gemacht hat) stellt. Dabei wird er von diesem niedergeschossen. Cynthia Bonsant, Journalistin bei einer Londoner Zeitung und ihrerseits den neuen technischen Möglichkeiten extrem abgeneigt, soll sich der Story annehmen. Zusätzliche Brisanz entsteht dadurch, dass ihre Tochter selber zu den Freemee-Nutzern zählt und mit dem Toten gut befreundet war.

Marc Elsberg zu Gast in der Stadtbücherei Erkrath

Marc Elsberg zu Gast in der Stadtbücherei Erkrath

Cynthia ist keinesfalls die Einzige, die das zunehmende Datensammeln kritisch sieht – ZERO, eine anonyme Gruppe von Onlineaktivisten, hat es sich zum Ziel gesetzt, auf die durch Anbieter wie Freemee entstandenen Missstände hinzuweisen und startet immer wieder Aktionen gegen diese sogenannten Datenkraken. Sie sehen die große Gefahr, dass Freemee und Co. immer mächtiger werden und ihre Nutzer durch die Ratgeber-Apps zunehmend beeinflussen oder sogar manipulieren. Es entsteht eine spektakuläre Jagd (an der neben Journalisten auch staatliche Behörden, Privatleute und Freemee-Mitarbeiter teilnehmen) nach den mysteriösen ZERO-Mitgliedern, bei der alle Seiten ihre komplette technische Raffinesse in die Waagschale werfen…“Zero“ ist nicht nur ein herkömmlicher, spannender Unterhaltungsroman; das spezielle und vor allem aktuelle Thema regt einen wirklich zum Nachdenken an: Welche Daten werden über mich erhoben? Was geschieht damit? Überwiegen die Vor- oder die Nachteile? Würde ich meine Daten ebenfalls verkaufen und leistungssteigernden bzw. angeblich lebensverbessernden Apps folgen?
In Zeiten von Google Glass-Brillen, Smartphones- und watches und in einer Gesellschaft, in der dem technischen Fortschritt kaum Grenzen gesetzt zu sein scheinen, alles andere als eine Utopie.
Zumal der im Buch angesprochene Handel der Nutzer mit ihren eigenen Daten – wie hier zu sehen – nicht völlig aus der Luft gegriffen ist und in nicht allzu ferner Zukunft Wirklichkeit werden könnte.

Das (Hör)-Buch hat mir jedenfalls richtig gut gefallen – bei uns gibt’s übrigens in beiden Standorten sowohl die Print- als auch die Audio-Ausgabe.

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