Vom Schnipselarchiv ins Web

Liebe Leser,

gibt’s das überhaupt noch? 25 Jahre ohne Jobwechsel, 25 Jahre derselbe Arbeitgeber?

Ja, das gibt es noch! Hier bei uns: unsere liebe Kollegin Anne :-). Natürlich hatten wir alle tausend Fragen. Ihr auch?

Kamishibai

Unsere Kollegin Anne in Aktion 🙂 Kamishibai im Kaiserhof.

Liebe Anne,

25 Jahre sind ja ein Hammer. Mich interessiert vor allem, wie sich dein Berufsalltag verändert hat.

Ja, krass, 25 Jahre am selben Ort. Ich habe mich auch ab und an gefragt, ob ich etwas Wesentliches verpasst habe 😉 Aber manchmal kommt es mir auch ohne Ortswechsel vor, als hätte ich eine weite Reise gemacht: es hat sich hier so viel verändert…

Wenn du zurückschaust, was fällt dir als erstes ein?

„Schlagwortkatalog“ von Dr. Marcus Gossler - Eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schlagwortkatalog.jpg#mediaviewer/File:Schlagwortkatalog.jpg

„Schlagwortkatalog“ von Dr. Marcus Gossler – Eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 über Wikimedia Commons

Kennst du noch das Buchkartenverfahren? Alles wurde per Hand nach Nummern sortiert. Pro Buch mussten drei Katalogkarten getippt werden und für jedes weitere Schlagwort noch eine. Ich musste zwar nicht tippen, aber manchmal habe ich schon gezögert: „Muss das Schlagwort wirklich noch sein? Willst du das deinen Kollegen wirklich zumuten?“ 😉

Als ich hier nach dem Studium anfing, sollte ich Veranstaltungen für Kinder konzipieren und durchführen. Die gab es noch nicht. Unsere damalige Leiterin, Frau Stöffler, ließ mir dabei freie Hand. Das war toll, ich hatte einen enormen Gestaltungsspielraum.

Du meine Güte, was war das damals für ein Aufwand, ein Plakat oder einen Handzettel zu gestalten. Tippen, kopieren, schneiden, kleben wieder kopieren. Ich habe ein paar Jahre ein Heft mit Neuerwerbungen und Rätseln für Kinder erstellt. Da hatte ich ein Buch nur mit Bildern, die man als Kopiervorlage benutzen konnte, ein sogenanntes Schnipselarchiv, ja, ich glaube, so hieß das. Wie heute die Clip Arts. 🙂

Seit damals gibt es für Kinder im Vorschulalter „Vorlesen & Basteln“, heute nennen wir es „Buchpiraten“. Kaum zu glauben, mein erstes Bastelkind hat jetzt sein Medizinstudium beendet!

Hast du damals im Kaiserhof gearbeitet?

Ja, die Bücherei im Kaiserhof war noch ganz neu. Vor meinem Vorstellungsgespräch hatte ich noch etwas Zeit. Die nutzte ich, um mich umzuschauen. Ich war begeistert und freute mich riesig, dass ich hier arbeiten durfte. Die Bücherei im Kaiserhof war damals noch eigenständig und hatte nichts mit der Bücherei im Bürgerhaus zu tun.

Was hat sich für dich zum Guten verändert?

Positiv finde ich die Umstellung auf EDV und die Möglichkeiten, die das Internet bietet. Ich musste damals eine Begründung schreiben, warum das Internet für die Bibliothek wichtig ist. Da hatten wir noch keine Ahnung, dass sich dadurch wirklich ALLE Bereiche verändern werden. Wir haben jetzt Freiraum für Anderes.

Was hat sich verschlechtert?

Hm, da muss ich überlegen, da fällt mir nicht direkt etwas ein.

Das ist doch auch ein gutes Zeichen 🙂

Ja, da gibt es etwas. Das wir so viele Sachen gleichzeitig bearbeiten. Dabei ist der Mensch erwiesenermaßen nicht multitaskingfähig, wir springen nur schneller hin und her. Das fördert natürlich den Stress und senkt die „Lebensqualität“ am Arbeitsplatz. Wir haben die Möglichkeit, während des Infodienstes am Computer viele andere Aufgaben noch parallel zu erledigen, da setze ich mich dann auch oft selbst unter Druck und nehme mir zu viel vor…

Was war am Lustigsten?

Ja, jetzt möchtest du gerne die Geschichte von meiner Nacht in der Bücherei hören.

Ja, gerne.

Ich wohne ja nur 20km weit entfernt von der Bücherei. Mein Spätdienst ging bis 20 Uhr. Ab mittags fing es ohne Ende an zu schneien. Zufällig hatte ich einen Schlafsack im Kofferraum (eigentlich nicht zufällig, als Pfadfinderleiterin 😉 ). Da hatte ich den Plan, in der Bücherei zu übernachten.

Im Kaiserhof war im Untergeschoss zu der Zeit noch ein Kino. „Jetzt gehst du schön ins Kino und dann schlafen“, dachte ich mir. Im Kino war ich die einzige Besucherin, kein Wunder bei dem Schneetreiben. Aber der Kinobetreiber war wie ein Kollege von uns, mit dem machten wir damals auch verschieden Veranstaltungen zusammen. Da hatte ich also trotzdem nette Gesellschaft.

Weißt du noch, welchen Film du gesehen hast?

„Ghost – Nachricht von Sam“

Nein, ganz alleine im Kino und dann „Ghost“?

Ja, passend, nicht? 😉 … Nach dem Film bin ich nach oben in die Bücherei gegangen. Die Neonröhren knackten vor sich hin, das war schon etwas gruselig. Aber in meinem Büro konnte ich trotzdem problemlos schlafen.

Was ist gut und was ist schade, wenn du an Dinge denkst, die es nicht mehr gibt?

Gut ist, dass es das Schnipselarchiv nicht mehr gibt :-). Und schade? Vielleicht die häuslichen Lesestunden?

Was ist das? Seid ihr da zu Leuten nach Hause gefahren und habt vorgelesen?

(Lacht.) Nein, da konnten wir eine Stunde in der Woche zu Hause Bücher querlesen. Das gehörte zur Lektoratsarbeit. Das gab es aber nur in meinen ersten beiden Berufsjahren.

Liebe Anne, ist Bibliothekarin dein Traumberuf?

Ich muss sagen, das Studium hat mich eher abgeschreckt. Das kreative Potenzial, was ja einem großen Bereich meiner Tätigkeiten zugrunde liegt, wurde dort nicht abgerufen oder gefördert. Viele Inhalte waren sehr formal. Da habe ich gedacht: „Das sind drei Jahre, das ziehst du jetzt durch.“ Aber schon in den ersten Berufsjahren ist Bibliothekarin zu meinem Traumberuf geworden! Ich liebe die gestalterischen Freiräume. Der Beruf ist so vielschichtig, hat so viele Facetten.

Und ich passe offensichtlich genau hier her nach Erkrath ;-). Das ist meine Bibliotheksgröße. Was ich hier alles machen kann… Und was mir sehr gefällt: viele wichtige Entscheidungsprozesse werden vom ganzen Team mit entwickelt.

Was mir bei dem Stichwort Team noch einfällt: Die ganzen Jahre hindurch hatte ich das Glück, in einem Kollegium zu arbeiten, das auf der menschlichen Ebene sehr gut harmonierte. Natürlich gab es immer wieder fachliche Auseinandersetzungen (sonst wäre es ja auch langweilig 😉 ), aber niemals böswillige Intrigen, obwohl die Zusammensetzung des Teams über die Jahre ja immer wieder auch gewechselt hat. Ich glaube, so etwas vom eigenen Arbeitsplatz sagen zu können ist nicht selbstverständlich und deshalb bin ich dafür sehr dankbar!

Wenn du in die Zukunft schaust, nicht die nächsten 25 Jahre ;-), aber vielleicht 15?

Ich denke, dass wir im Prozess der Veränderungen durch das Internet noch eher am Anfang stehen. Was uns da die Zukunft bringen wird, ist schlecht abzuschätzen…

Aber was bleiben wird ist sicherlich, dass der Mensch vor Ort in unserem Fokus steht, dass wir uns für die Leseförderung stark machen, dass wir Menschen an die Hand nehmen und für sie ein Tor zu neuen Welten sein können.

Liebe Anne, vielen Dank für das Interview. Ich freue mich schon auf die nächsten gemeinsamen Jahre, denn mit dir kann man super zusammenarbeiten: Du kannst anpacken, hast super Ideen und  kannst über den selben Quatsch lachen wie ich ;-).

Viele Grüße

Eure Beate Sleegers

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Über b.sleegers

Arbeitet und bloggt für die Stadtbücherei Erkrath.

8 Kommentare zu “Vom Schnipselarchiv ins Web

  1. Auch von mir herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum
    Meine Anfänge vor fast 40 Jahren bei der Verwaltung sahen ähnlich aus, Karteikarten für die Einwohner der Stadt und wenn die mal falsch eingeordnet waren, ooooh jeeeee

    Ich beglückwünsche aber auch die Stadt Erkrath zu sehr aktiven Mitarbeitern. Ihr macht ja was aus eurem Beruf und das ist wirklich hervor zu heben 🙂

    Einen lieben Gruß aus Leverkusen
    Elke

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    • Danke für die Glückwünsche! – Das Kompliment können wir zurückgeben: Es macht Spaß und motiviert, wenn wir so kommunikationsfreudige Mitglieder in unserer Community haben 🙂

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  2. Auch von mir herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum! Das sympatische Interview hat mir sehr gefallen, vor allem dass das gute Betriebsklima durchscheint. Einen tollen Beruf mit netten Kollegen – was will man mehr…

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  3. Huhu,

    Kinder wie Zeit vergeht, oder? Ich bin grad erst über den Blogpost gestolpert und wollte dann doch noch mein „Herzlichen Glückwunsch“ loswerden.
    Ich bin, nach wie vor, fasziniert, wie schnell sich derzeit in unserem Bibliotheksleben alles ändert. Spannend, herausfordernd, toll….mach weiter so und viel Erfolg weiterhin 😉

    Gruß
    Martin

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