„Eine Geschichte aus dem Osten für den Westen“

Liebe Leser,

ein wenig aufgeregt war ich schon. Das Buch kannte ich bereits, aber wie wird es für mich sein, das Thema in einer öffentlichen Lesung zu erleben und dem Autor gegenüber zu stehen?

Landeszentrale vor Ort: Peter Wensierski liest aus seinem Buch: Die verbotene Reise. Die Geschichte einer abenteuerlichen Flucht

Peter Wensierski, Sachbuchautor und Journalist, der für ARD und SPIEGEL berichtet, war zu Gast in unserer Stadtbücherei im Bürgerhaus. Möglich war die für uns und unsere Besucher kostenlose Lesung durch die Vermittlung der Landeszentrale für politische Bildung NRW und des Verbandes der Bibliotheken NRW.

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Landeszentrale vor Ort: Peter Wensierski liest aus seinem Buch „Die verbotene Reise. Die Geschichte einer abenteuerlichen Flucht“

„25 Jahre nach dem Mauerfall ist es eine der schönsten Geschichten aus jener Zeit, die gleichzeitig ein überraschend anderes Bild von jungen Ostdeutschen jenseits bisheriger Klischees zeichnet. Eine Geschichte aus dem Osten für den Westen, die Mut macht, scheinbar Unmögliches zu wagen.“ (Quelle)

Für mich verbinden sich mit dem Thema, das andere Leben in der DDR, viele Emotionen. Denn für mich sind es nicht nur Bilder, es sind Erinnerungen an meine Jugend, die wach wurden. (Wer hier öfter mitliest, kennt meine Wurzeln.)

Es war so wohltuend. Da gab es jemand aus dem Westen, der dieses andere Leben im Osten mehr als nur interessant fand, inspirierend, der es vielleicht auch ein wenig bewundert hatte. Denn es war durchaus bunt, einfallsreich und rebellisch. Peter Wensierski sah das Marode, aber er sah auch, wie junge Leute daraus Kraft zogen, indem sie sich daran rieben, aufbegehrten und versuchten, sich selbst zu verwirklichen, wie sie an staatliche aber auch persönliche Grenzen stießen und diesen Grenzen entfliehen wollten.

Der Autor hatte die einmalige Chance, das Nischenleben junger Ostdeutscher in den 80er Jahren hautnah mit zu erleben, denn er arbeitet von 1986 an als Fernsehjournalist der ARD in West- und Ostberlin. Er war dicht dran. Ein paar Details machten mir deutlich wie dicht:
Wusstet ihr, dass weiße Bändchen am Auto ein Erkennungszeichen waren? Menschen mit Ausreiseantrag zeigten so öffentlich, dass sie weg wollten. Wusstet ihr, wie man in Ostberlin Wohnungen besetzte? Bei mir hatte es damals nicht geklappt… Wusstet ihr, dass Sperrmüllcontainer und Haushaltsauflösungen hoch angesagt waren? Man wollte gerne etwas Nonkonformes ergattern oder auf Flohmärkten weiterverkaufen. Peter Wensierski hatte noch mehr Beispiele mitgebracht und das Publikum staunte.

Ich kann gut verstehen, dass gerade Peter Wensierski über diesen Fund, die Geschichte einer einzigartigen Flucht, hoch erfreut gewesen ist. Aber worum geht es in seinem Buch?

Im Sommer 1987 wagen die Ost-Berliner Studenten Jens und Marie, denen das Leben in der DDR zu reglementiert und zu eng ist, das große Abenteuer. Sie fälschen eine Einladung und erhalten ein Visum für eine nicht ungefährliche Reise nach Russland und die Mongolei. Über 10.000 km weit über Polen durch die Sowjetunion, durchstreifen sie die faszinierenden Weiten der Mongolei bis nach China, wandern kreuz und quer durch die Wüste Gobi, fahren mit Schiffen den Gelben Fluss herunter, vorbei an chinesischen Dörfern und Städten des Landes. Ihr heimliches Reiseziel aber ist China, das für DDR-Bürger eigentlich unerreichbar ist. Von Ulan Bator aus gestartet, erreichen sie Peking und erhoffen sich dort Hilfe von der westdeutschen Botschaft, um in den Westen einzureisen. Am Ende des Weges geht es um die schwierige Entscheidung, über die so viele DDR-Bürger nachgedacht haben: Nutze ich wirklich die Gelegenheit, in den ersehnten Westen zu gelangen oder bleibe ich in der DDR? (Quelle)

Wir Zuhörer erfuhren, wie diese Geschichte „zu ihm kam“, wir erhielten mit vielen einzigartigen Fotos und Filmbeispielen Einblick in das andere Leben junger Leute in der DDR. Wir erfuhren natürlich nicht, wie die Geschichte ausging 😉 , aber wie die Protagonisten heute leben. Einfach erstaunlich.

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Autorenlesung mit Peter Wensierski: Die verbotene Reise.

Für mich war es auch gut zu erleben, dass es heute, nach über 25 Jahren, immer noch Menschen gibt, die Interesse an diesen Geschichten haben, und das hier im Westen Deutschlands weit weg von der ehemaligen Grenze. Die Leute kamen an einem Freitagabend zu uns in die Bücherei, lauschten aufmerksam und interessiert den Worten von Peter Wensierski und gingen nach 1,5 Stunden inspiriert nach Hause, staunend, was mit viel Glück, Abenteuerlust und „jugendlichem Leichtsinn“ möglich war.

Zum Schluss habe ich, neben dem Buchtipp natürlich, auch noch einen Video-Tipp für euch: Peter Wensierski hat auf dem Youtube-Kanal „Filme zum Mauerfall“ einmalige Zeitdokumente veröffentlicht.

Ach ja, ich bin noch die Antwort auf meine zu Beginn gestellte Frage schuldig:
Ich stand (sicherlich etwas ehrfürchtig) einem großen Mann mit sehr wachen Augen gegenüber, denen man den kritischen Geist anmerkt. 🙂

Viele Grüße
Eure Beate Sleegers

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Über b.sleegers

Arbeitet und bloggt für die Stadtbücherei Erkrath.

2 Kommentare zu “„Eine Geschichte aus dem Osten für den Westen“

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