Im Dialog mit Flüchtlingen

Liebe Leser,

am 02.06.2015 war die Bücherei im Bürgerhaus eine Begegnungsstätte der besonderen Art: Es wurde nicht nur über, sondern auch mit Flüchtlingen geredet.

Die Ausstellung

Anlass war die Eröffnung einer Ausstellung von UNICEF zum Thema „Nothilfe für Kinder“. Die Tafeln der Ausstellung hingen rund um die Treppe und informierten über die Situation von Kindern in Flüchtlingslagern. Mittlerweile hängt dort bereits die nächste Ausstellung, erstellt von einer Schülergruppe des Gymnasiums Hochdahl, aber passenderweise auch mit einer Tafel zum Thema Syrien. (Wer möchte, kann gerne vorbeikommen und sich während der Öffnungszeiten der Bücherei im Bürgerhaus anschauen, welche Informationen zu Konflikten in aller Welt die Schüler zusammengetragen haben.)

Zu der UNICEF-Ausstellung haben Frau Brinkmann und Frau Moldon von der VHS einen spannenden Abend organisiert. Eingeladen waren nicht nur Leute diverser Organisationen und Vereine, sondern auch Flüchtlinge aus dem Integrationskurs Deutsch der VHS.

Ein Vortrag zur Einführung ins Thema

Frau Seiler ist ehrenamtlich für UNICEF tätig und hielt einen kurzen Vortrag über die Situation von Kindern in Flüchtlingslagern. Wir erfuhren, dass weltweit jedes 10. Kind im Krieg lebt und dass bei 4 Millionen Flüchtlingen aus Syrien eine ganze Generation von Kriegskindern aufwächst. Wovon bei uns nur noch Großeltern erzählen, ist in Syrien aktuelle Realität: 13jährige arbeiten als Lumpensammler oder in Kiosken, um ihre Familien zu ernähren oder zu unterstützen. Sie würden – stellt euch das mal vor, liebe Jugendliche – lieber in die Schulen gehen, aber diese sind zerstört oder umfunktioniert zu Gefängnissen oder anderem. An dieser Stelle kommt UNICEF ins Spiel. Wer sich schon mal gefragt hat, warum so viele Organisationen um Spenden buhlen: Jede davon hat ihre Kernkompetenzen und kooperiert mit anderen Organisationen, um möglichst alle Lebensbereiche abzudecken. Während sich DRK oder Ärzte ohne Grenzen sinnvollerweise um Krankenhäuser und die medizinische Versorgung kümmern, sorgt UNICEF z.B. für eine Wasserversorgung – damit auch für bessere Hygiene – und baut Schulen. Letztere sind gerade für Kinder und Jugendliche wichtig. Nicht nur, um etwas zu lernen, sondern weil die Schule ein Ort ist, an dem sie den Alltagsproblemen oder auch nur der Langeweile in einem Flüchtlingslager entfliehen können.

Interessant war auch der Hinweis auf das Video-Projekt OneMinutesJr von UNICEF Deutschland, in dem Flüchtlingskinder unter Anleitung über sich und ihre Erfahrungen berichten können. Unter anderem wurde dieses beeindruckende Filmchen gezeigt:

Flüchtlinge kommen zu Wort

Im zweiten Teil des Abends hatten sich Flüchtlinge aus den Integrationskursen Deutsch der VHS bereit erklärt, ein bisschen über sich zu erzählen. Herr Alhoshi, ein 28jähriger Zahnarzt aus Syrien, entschuldigte sich völlig grundlos für sein gutes Deutsch und erzählte, wie er über das Mittelmeer nach Griechenland gekommen sei und von dort aus nach Deutschland geschickt wurde. In welches Land er käme, sagte er, sei ihm egal gewesen, Hauptsache in Sicherheit und das bedeutete: nicht zurück nach Syrien. Aber auch wenn die Erkrather sehr nett und hilfsbereit seien, würde er gerne zurück, wenn es dort wieder sicher wäre, denn zuhause in der Heimat zu sein sei schon etwas anderes.

Herr Sow aus Guinea hatte eine andere Odyssee hinter sich. Er war zunächst in die Ukraine gegangen und hatte dort seine Frau kennengelernt, wegen der Unruhen dort sind aber beide geflüchtet und nun in Erkrath gelandet. Er würde gerne Sportjournalist werden.

Ein weiterer Teilnehmer des Integrationskurses war ebenfalls eingeplant gewesen, hatte laut Frau Moldon aber die beste Entschuldigung, die sich denken lässt: er hatte seinen ersten Arbeitstag und wegen eines Seminars außerhalb konnte er nicht mehr rechtzeitig zur Veranstaltung kommen.

Diskussionsrunde

Nach einer kurzen Pause gab es im dritten Teil des Abends eine kleine Diskussionsrunde. Moderiert von Frau Brinkmann unterhielten sich Herr Assila, Arabisch-Lehrer und interkultureller Berater, Frau Funk vom Freundeskreis für Flüchtlinge Hochdahl, Frau Martens von der NeanderDiakonie und Herr Alami, Dolmetscher bzw. Sprach- und Integrationsmittler, unter reger Anteilnahme des Publikums über die Situation von Flüchtlingen, auch speziell in Erkrath.

Herr Alhoshi berichtete, dass er vor seiner Ankunft in Erkrath bereits in anderen Städten in Deutschland gewesen war und trotz Nachfragen nicht erfahren konnte, z.B. bei welchen Behörden er sich melden solle und wohin er gehen müsse. Hier wurden grundsätzliche kulturelle Unterschiede deutlich: Während das anwesende „europäische“ Publikum einen Wegweiser für Flüchtlinge in Papierform forderte, den man den Neuankömmlingen in die Hand drücken könnte, wies Herr Assila auf die vorwiegend mündliche Kultur in arabischen Ländern hin. Hier wende man sich – natürlich anfangs auch mangels Sprachkenntnissen – an seine Landsleute und bekäme je nach Erfahrungen des Angesprochenen gute oder schlechte Hinweise. Herr Alami ergänzte, dass es nicht so einfach sei, Prospekte zu übersetzen, weil es so etwas wie „Ausländerbehörde“ in anderen Ländern gar nicht gäbe. Insofern war die Aussage Herr Assilas, „Menschen brauchen zuerst Menschen“ sicher auch als Aufruf zu verstehen, auf die Flüchtlinge zuzugehen. Der Freundeskreis für Flüchtlinge oder die NeanderDiakonie suchen z.B. immer Paten für neu ankommende Familien, die auch einfach mal zu Besuch ins Heim kommen, mit einem der Bewohner ein Eis essen gehen oder den Besuch bei einer Behörde begleiten.

Schließlich, so Herr Assila, sehe man am Beispiel des syrischen Zahnarztes, dass es ein enormes Potenzial gebe. Aber dazu sei es wichtig, dass die Neuankömmlinge nicht nur integriert, sondern eher inkludiert werden, damit sie sich nicht nur als geduldete Gäste fühlen sondern Bürger werden können.

Gegen 22 Uhr mussten wir die Diskutierenden leider langsam aus dem Haus komplimentieren. Vor der Bücherei fanden einzelne Gespräche aber noch nicht sofort zu einem Ende und wir hoffen, dass das Miteinander fortgesetzt werden kann.

 

Michael Muszula

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4 Kommentare zu “Im Dialog mit Flüchtlingen

  1. Hat dies auf Sätze&Schätze rebloggt und kommentierte:
    Dem Bildungsauftrag, aber einfach auch einer mitmenschlichen Aufgabe, die anderen so schwer erscheint, nachgekommen ist die Stadtbücherei Erkrath: Ein toller Beitrag, der zeigt, wie „Willkommenskultur“ für Flüchtlinge gelebt werden kann. Das findet hoffentlich Nachahmer!

    Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: Bibliotheken – der Zugang zu Information und Bildung für Flüchtlinge und Asylbewerber | Nachrichten für öffentliche Bibliotheken in NRW

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