Wenn der Dienst-Weg versperrt ist…

20150929_133106Gestern morgen bei Dienstbeginn hatte ich sperrige Gedanken. Das lag daran, dass beim Betreten der Bücherei etwas mir den Weg versperrte. Etwas Sperriges eben. Auf den ersten Blick sah ich nur Holz. Teilweise dunkel angestrichen. Doch dann erkannte ich, dass ich direkt vor einem Boot stand. Ein BOOT?? Im Eingang der Stadtbücherei??Und dann fiel es mir wieder ein: Anlässlich der Jugendkulturnacht war im Team von einer Installation die Rede gewesen. Der Kunst-Kurs vom Gymnasium am Neandertal hatte sich mit dem Thema „Verlust“ auseinandergesetzt. Die Jugendlichen haben, bezogen auf die Situation vieler Flüchtlinge, ihre Gedanken sozusagen materialisiert.

Manchmal ist es gut, wenn man als Teilzeit-Bibliothekarin nicht immer alles direkt auf dem Schirm hat. So konnte ich dieser Installation völlig unvorbereitet und deshalb unvoreingenommen begegnen. Und die sperrigen Gedanken konnten sich erst mal ungehindert in meinem Gehirn ausbreiten:

Warum stolpere ich jetzt hier über so was? Warum ein Boot? Flucht? Flüchtling? Ich fühle mich beklommen. Viele Bilder aus Nachrichtensendungen und Presseartikeln tauchen vor meinem inneren Auge auf. Zusammengepferchte Menschen, Menschen, die aus Booten fallen oder springen. Betroffen bleibe ich stehen. Und dann schießt mir der nächste Gedanke durch den Kopf: Direkt nebenan die Erstaufnahmestelle. Jeden Tag haben wir hier Besuch von vielen Menschen, die wahrscheinlich vor einigen Wochen selbst in einem Boot um ihr Überleben bangen mussten. Wie mag es ihnen jetzt beim Betreten der Bücherei gehen, wenn ihnen dieses Boot als Kunstobjekt den Weg versperrt? Muss man ihnen das zumuten? Haben die Schüler und ihr Lehrer soweit gedacht?

und so sieht die Rückseite der Installation aus

und so sieht die Rückseite der Installation aus

An der Installation hängen Zettel zum Mitnehmen. Der Text erläutert ein wenig die gedanklichen Prozesse, die zu diesem Kunstwerk geführt haben. Ja, nach der ersten Betroffenheit sortiere ich meine Gefühle wieder und kann nun auch beeindruckt sein: Beeindruckt, dass Lehrpläne so kompromisslos auf aktuelle humanitäre Probleme bezogen werden. Beeindruckt, dass Lehrer mit ihren Schülern Öffentlichkeit suchen und Reaktionen provozieren wollen.

Trotzdem hoffe ich, dass hier nicht für einzelne Menschen nächtliche Alpträume visualisiert werden. Dieser Preis für einen Denkanstoß wäre mir zu hoch! Und nur unter diesem Gesichtspunkt bin ich froh, dass die Installation nur eine Woche stehen bleibt.

Sieben Lernpaten trafen sich heute Nachmittag wieder mit ihren Kleingruppen in der Bücherei

Sieben von über 100 (!) Lernpaten trafen sich heute Nachmittag wieder mit ihren lernmotivierten Kleingruppen in der Bücherei  🙂

Denn schließlich brauchen wir einen barrierefreien Eingangsbereich (nicht nur) für die vielen Flüchtlinge, die hier mit ihren Lernpaten die ersten Schritte in die deutsche Sprache und in ein neues Leben wagen!

Anne Heimansberg-Schmidt

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Ein Kommentar zu “Wenn der Dienst-Weg versperrt ist…

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