Internationaler Tag des Übersetzens

Liebe Leserinnen und Leser,

heute widmen wir uns den Menschen, ohne die es in unseren Bibliotheksregalen sehr leer aussehen würde: Den Übersetzerinnen und Übersetzern.

Ohne Übersetzungen gäbe es weitaus weniger Austausch in Kultur, Religion und Wissenschaft, bei Kochrezepten, Geschichten oder Gesetzestexten, und vermutlich auch in vielen anderen Lebensbereichen, die uns auf den ersten Blick gar nicht bewusst sind.

Konzentrieren wir uns auf die Literaturübersetzungen.

Liebhaber von Originalausgaben, fluchen gerne über den verfälschten Stil eines Autors, denn das Übersetzen ist immer ein Kompromiss. Eine wörtliche Übersetzung würde ihre Poesie verlieren und sehr seltsam klingen. Eine sinngemäße Übertragung verändert aber durchaus den Ton eines Buches. Literaturübersetzer sind deshalb nicht selten selbst Schriftsteller; auf jeden Fall aber exzellente Kenner von Sprache und Kultur sowohl ihrer Muttersprache, als auch der Sprache, aus der heraus sie übertragen.

Denke wir einmal an Übersetzungen aus dem Chinesischen oder Persischen. Die bildhaften Sprachen mit vielen Anspielungen auf Alltagskultur, Klassiker und uns völlig fremden Benennungen von Verwandtschaftsgraden oder sozialen Klassen, verlangen Übersetzern einiges ab, um den Text für Europäer zugänglich zu machen und dennoch die Schönheit des Originals zu transportieren.

Da es zudem sehr wenige Übersetzer aus manchen Sprachen gibt, werden Werke wie bspw. die von Cixin Liu (Als Hörbuch im Kaiserhof verfügbar) oft erst ins Englische übersetzt und dann vom Englischen ins Deutsche. Obwohl Übersetzer in der Regel Kontakt zum Autor des Originals haben und bei Unklarheiten nachfragen, wird es sicherlich missverständliche oder falsche Übertragungen geben.

Das ist nicht selten auch der Not geschuldet, dass Übersetzungen nicht besonders gut bezahlt sind. Deshalb reicht die Bandbreite von sehr hochwertigen Übersetzungen wie „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace (Im Bürgerhaus bei den Romanen), dessen Übersetzer das Geld aus einem Erbe nutzte, um in Ruhe übersetzen zu können, bis hin zu schnell übertragenen Werken, die fast wirken, als hätte Google Translate zugeschlagen.

In einem besser verschwiegenen Politthriller wird da schonmal aus der englischen Redewendung „The Coast is clear“ ein „Die Küste ist klar“. Ein merkwürdiger Anglizismus, müsste es doch „Die Luft ist rein“ heißen. Kein Wunder, dass einige Übersetzerinnen Pseudonyme verwenden.

Joachim_Körber
Joachim Körber übersetzt bereits seit vielen Jahren und leitet mit der Edition Phantasia selbst einen kleinen Verlag.

Einigen Übersetzern wird aber auch nachgesagt, dass sie den Stil eines Autors deutlich verbessert haben. Als Positivbeispiel wird hier gerne der langjährige Stephen King-Übersetzer Joachim Körber angeführt. Seine Fans lesen lieber die deutsche Ausgabe, als das Original. Seine neuste Übersetzung findet sich im Kaiserhof bei den Krimis: „Nordwasser“ von Ian McGuire (Eher historischer Psychothriller als Krimi) und ist literarisch deutlich höherwertiger, als King, enthält allerdings ebenfalls ein gewisses Maß an Gewalt und Blut.

Um manche Übersetzungen entbrennt ein regelrechter Streit.

So entsetzte zum Jahrtausendwechsel die Neuübersetzung von Tolkiens „Herr der Ringe“ die Liebhaber von Margaret Carrouxs Übertragung (In Erkrath im Bürgerhaus). Wolfgang Krege (Im Bürgerhaus und im Kaiserhof) hatte versucht, möglicherweise im Zuge der Verfilmung, Tolkiens Sprache in die Moderne zu überführen. Beide Übersetzungen wurden über ein Jahrzehnt später noch einmal überarbeitet. (Siehe: https://www.hobbitpresse.de/2019/02/21/der-herr-der-ringe-drei-uebersetzungen-aus-der-sicht-eines-langjaehrigen-fans/).

Tolkien_Carroux
Nicht nur die Übersetzung, auch die Optik wird heiß diskutiert. Denn eigentlich ist das Buch keine Trilogie – die hohen Papierpreise im Nachkriegsengland schufen also eher unfreiwillig den anhaltenden Trend, dass Fantasy in drei Teilen erscheint.

Neben Tolkien eine der meistdiskutierten Übersetzungen des neuen Jahrtausends ist sicherlich die von Harry Potter. Möglicherweise wurde auch hier auf eine teure Übersetzung verzichtet – der späteren Weltruhm der Romane war zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar.

Ein Fakt zum Schluss: Deutsch ist nicht so kompakt wie Englisch. Deshalb werden dicke englische Bücher in der deutschen Ausgabe manchmal geteilt. Das ist allerdings nicht immer den längeren Satzkonstruktionen geschuldet, sondern durchaus auch dem sehr engen Druck, der im englischen Sprachraum üblich ist.

Bekanntestes Beispiel ist derzeit George R.R. Martins „Das Lied von Eis und Feuer“, das auf Deutsch doppelt so viele Bände hat, wie das Original.

 

Viel Spaß beim Lesen und Vergleichen wünscht

Nadine Boos

 

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